Wer bist du, Mensch? – Einführung in die ExistenzEbenenAnalyse (Folge 12)

29/12/16 +++ Recht passend zum Jahreswechsel, der ja häufig zu Reflexionen über das eigene Leben Anlass gibt, erreichen wir in unserer losen Reihe über grundlegende Begriffe der philosophischen ExistenzEbenenAnalyse heute die siebte Ebene: den griechischen „Anthropos“ als Menschen „an sich“, dessen in Kulturen verallgemeinertes Selbst-Bild das Geschehen in der „Welt“ (aus der sechsten Ebene des letzten Beitrags) prägt oder – eben aus „anthropologischer“ Sicht – basal interpretiert.

Was ist der Mensch? – So lautet in klassischer kantianischer Formulierung eine Leit- und Sinn-Frage insbesondere der abendländischen Philosophie, solange die Tradition uns ihre Denkfiguren überliefert.

Eine spätestens seit Aristoteles (4. Jahrhundert v. Chr.) beliebte Problem-Annäherung ist dabei die Abgrenzung gegenüber dem Tier, dem regelmäßig insbesondere die angeblich typisch menschliche „Vernunft“ (wahlweise auch Verstand oder Seele oder Sprachfähigkeit) abgesprochen wird. Bei Descartes (17. Jahrhundert) wird das Tier sogar als Maschine phantasiert und dem lebendigen Vernunft-Organismus Mensch gegenübergestellt. Aus solchen und ähnlichen Annahmen lassen sich bis heute Konstruktionen kulturell „begründen“, die der Gattung (genauer: Art) Mensch die absolute Verfügungsmacht über alle anderen Lebewesen einräumt.

Im heutigen zumeist evolutionstheoretisch hinterlegten wissenschaftlichen, medizinischen, politisch-rechtlichen und auch philosophischen Diskurs werden solche Annahmen mehr oder weniger interessegeleitet problematisiert. Eine sehr empfehlenswerte Zusammenfassung und Bewertung liefert der Populärphilosoph Richard David Precht in seinem aktuellen Buch „Tiere denken“, in dem das „Menschentier“ in seinem tatsächlichen evolutionären und historischen Zusammenhang gezeigt und sein heute nur noch schwer zu rechtfertigendes Verhalten gegenüber anderen Tieren diskutiert wird. Aus leibphänomenologischer Sicht (vgl. ExistenzEbene 1) können Prechts Befunde und Vorschläge nur unterstützt werden.

Aber die Abgrenzung gegenüber dem Tier mit seinen vorgeblich „bloßen“ Reiz-Reaktions-Mechanismen, Instinkten und Impulsen ist natürlich nicht die einzige Selbstdefinition „des Menschen“. Er kann sich selbst als Art, als Kultur, als Gesellschaft oder als Einzelner jeweils ganz verschieden als „menschlich“ beschreiben und dabei mehr oder weniger eindeutig festlegen. Mal ist es das (zum Beispiel christliche) Mitleid, das ihn auszeichnen soll, mal seine Sprache (mit der er sich allerdings nur mit seinesgleichen verständigen kann...), dann wieder sein „Bewusstsein“ im Sinne von Selbst-Bewusstsein oder als Fähigkeit zur Selbst-Betrachtung und Selbst-Kritik. Er kann sich erfahren als absolut abhängig von ihn übergreifenden oder über ihn hinausweisenden Strukturen (Gott, Gesellschaft, eine Ideologie usw.), was in der Tradition unter anderem „Transzendenz“-Bezug heißt. In der ExistenzEbenenAnalyse gehen wir davon aus, dass „der Mensch“ im Wesentlichen als Einzelner auftritt und als solcher unter anderem auch ein „Menschenbild“ entwickelt, das zu ihm und seinem „System“ der eigenen Glaubenssätze (oder Werte) „passt“.

In der realen Lebenswelt dieses Einzelnen in unserer Gesellschaft und Öffentlichkeit und damit in der begleitenden philosophischen Beratung treten auf dieser Ebene häufig leibnahe Selbstdefinitionsprobleme in den Vordergrund. Es kann zum Beispiel passieren, dass der Einzelne direkte Widersprüche zwischen seinem „gelernten“ Menschenbild und seinem tatsächlichen Verhalten bemerkt. Um beim Tier-Thema zu bleiben: Meinen eigenen Hund würde ich nicht essen, aber die Schweine aus der Mastfabrik schon. Wie geht das bloß zusammen? Nun, in gewisser Weise zeichnet „den Menschen“ als (auch) psychisches Wesen sicher die Fähigkeit aus, kognitive Dissonanzen auszuhalten und in inneren Rechtfertigungsschleifen abzuarbeiten. Allerdings haben viele Menschen auch ein „Gespür“ für solche Probleme, das sie nicht ohne weiteres ruhen lässt.

Oder es kann vorkommen, dass man in Situationen der deutlich gespürten „Sorge“ gerät, etwa bei der Erfahrung von eigenem Alter und fremden Tod, die den eigenen „anthropologischen“ Blick auf das Mensch-Sein verändern. Manche suchen dann nach einer neuen (alten) „Lebenskunst“, vielleicht nach neuen Zusammenhangserlebnissen von Gefühl und Verstand, von Wunsch und Moral, von innerer Wut und klarer Vernunft. Der Mensch ist wahrscheinlich auf so etwas wie eigenen „Sinn“ angewiesen, den er zum Beispiel auch im Umgang mit den philosophischen Themen der „Ästhetik“ entdecken kann, die nicht nur als „Schönheit“ in der Kunst, sondern allgemeiner auch in unserer „aisthetischen“ Gesamt-Wahrnehmung (der äußeren Dinge, Menschen, Tiere, Pflanzen, des inneren Selbsts, des gemeinsamen Seins usw.) ständig Teil unseres Bedeutungskosmos ist. Die je eigene und doch als verallgemeinerbar anzunehmende „Menschlichkeit“ zu entwickeln oder zu verstehen, gehört zu den anspruchsvolleren Aufgaben in der philosophischen Praxis.

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